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Im italienischen Seveso wurde am 10. Juli 1976 in der Chemiefabrik Icmesa durch eine Explosion in einem Reaktor eine Giftgaswolke „freigesetzt“ (Neusprech) und dadurch eine der größten Chemiekatastrophen der europäischen Geschichte ausgelöst. Die Folgen für das norditalienische Städtchen Seveso und die umliegende Region waren verheerend. Neben anderen Stoffen entwichen große Mengen der hochgiftigen Dioxinverbindung TCDD in die Umwelt. Hochgiftiges Dioxin verseuchte ein 18 Quadratkilometer großes Gebiet, etwa 200 Menschen erlitten akute Vergiftungen (Chlorakne), zahllose Tiere verendeten. Erst acht Tage nach dem Unglück wurde die Fabrik geschlossen und das verseuchte Gebiet evakuiert. Icmesa war ein Tochterunternehmen von Givaudan, das wiederum zur Hoffmann-La-Roche-Gruppe gehörte. Die Schweizer Roche war verantwortlich für niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und marode Anlagen, die so in der Schweiz nicht möglich gewesen wären. Die Arbeitsbedingungen in der TCP-Produktion waren extrem schlecht, die Anlage veraltet und unzureichend gewartet. Hohe Gewinne in Niedrigsicherheitsländern eben ... Seveso war damals aus Sicht Schweizer Konzerne eine industrielle „Verschmutzungs-Oase“ in Kerneuropa. Heute sind diese „Verschmutzungs-Oasen“ nach Asien oder Afrika weitergezogen, und mit dem erfolgreichen Kampf der Marktlibertären gegen das Lieferkettengesetz werden solche Zustände auch weiterhin bestehen.
„Als am Ende der Nachtschicht am Samstagmorgen die Anlage heruntergefahren wird, kommt es aufgrund von Wartungsfehlern zu einem dramatischen Anstieg der Temperatur in einem Reaktionskessel. Die Folge ist ein unkontrollierter Anstieg des Kesseldrucks. Um 12.27 Uhr entlädt sich der Überdruck über ein Sicherheitsventil ungefiltert in die Umwelt. La Roche hatte aus Kostengründen auf ein Auffanggefäß für ein Explosionsentlastungsrohr verzichtet. Eine halbe Stunde lang entweicht ein Gasgemisch, das eine giftige weißliche Wolke bildet und über Gärten und Kanäle nach Seveso zieht. Über das Ausmaß und die Folgen des Unglücks lässt die Firmenleitung die Anwohner zunächst völlig im Unklaren", berichtete der Deutschlandfunk.
Als Unfallfolge verdorrten die Blätter von Pflanzen am Unfallort, 3.300 Tierkadaver wurden aufgefunden. 200 Menschen erkrankten an schwerer Chlorakne, vierzehn Kinder wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Immer mehr Menschen wurden krank, die Umgebung der Anlage war stark verseucht. Am 10. September 1982 wurden die Fässer mit den gefährlichsten Abfallstoffen der Katastrophe mit Lkw abtransportiert. Die Lkw fuhren in Richtung Frankreich. Unglaublicherweise verlor sich dort ihre Spur ... Als die Medien vom „Verlust“ der Fässer erfuhren, kam es zu einem öffentlichen Skandal. Nach langem Suchen wurden die versteckten Fässer am 19. Mai 1983 schließlich in einem ehemaligen Schlachthof im nordfranzösischen Dorf Anguilcourt-le-Sart gefunden.
Die Chemiefabrik Icmesa stand noch für die „gute, alte, sichtbare, offene“ Umweltvergiftung der damaligen Zeit. Flüsse waren damals stinkende Kloaken, Kinder in der Umgebung von Verbrennungsanlagen litten an Pseudokrupp, in der Umgebung deutscher Bleichemiewerke starben Kühe an Bleivergiftungen. Es war die Zeit von DDT und Asbest. In Teningen wurde offen liegendes Grundwasser eines Baggersees mit Giftmüll verfüllt, und der Schweizer Atommüll wurde noch im Meer versenkt.
Nicht nur die Chemieindustrie begann mit Seveso, ihren professionellen Greenwash zu optimieren, um gefährliche Unfälle herunterzuspielen und Schadensersatzansprüche zu minimieren. Bei der Chemiekatastrophe im indischen Bhopal 1984 zeigte sich, wie pervers lohnend Greenwashing sein kann. Propagandistisch geschickt wurden in Seveso und Bhopal die Schadensersatzansprüche der Betroffenen minimiert. Die Täter, die Verantwortlichen und die Firma Roche wurden nie angemessen bestraft. Dieses – die Verantwortlichen werden nicht bestraft – Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch die Umweltgeschichte. Am 24. September 1983 verurteilte ein Gericht in Monza fünf Mitarbeiter in erster Instanz zu Freiheitsstrafen von zweieinhalb bis fünf Jahren. Alle Verurteilten gingen erfolgreich in Berufung. Das Gericht entschied auf Fahrlässigkeit statt auf Vorsatz und setzte die Strafen des Produktionsleiters Jörg Sambeth, der damals für seine Firma schwieg, sowie der Schweizer und italienischen Angeklagten zur Bewährung aus. Laut Sambeth waren Schmiergelder und verdeckte Beziehungen im Spiel.
Heute, im Jahr 2026, gefährden die überalterten Schweizer Atomkraftwerke Zentraleuropa, und die Schweiz ist eine globale Supermacht im Bergbausektor, wo noch immer zahlreiche Umweltverbrechen geschehen.
Damals wie heute galt und gilt:
"Die Gerechtigkeit (und das Recht) sind wie ein Spinnennetz – die Kleinen hält es fest, die Großen zerreißen es einfach." Nach einem alten lateinischen Zitat
Am Oberrhein lösten der Chemieunfall und der Umgang damit Entsetzen und trinationale Proteste aus. Die grenzüberschreitende Umweltbewegung und die Bevölkerung waren schon vor dem Unfall durch den Protest gegen AKW sensibilisiert. Es gab insbesondere in Basel viele Demonstrationen und Aktionen, bei denen es nicht nur um Umwelt, sondern auch um Gerechtigkeit ging. Zehn Jahre nach Seveso folgten die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und der Sandoz-Brand in Schweizerhalle bei Basel.
Die massiven Proteste der Umweltbewegung nach Seveso und die kritische Berichterstattung der Medien führten dazu, dass viele Industrieanlagen in Europa sicherer wurden. Die auf den Unfall folgende Seveso-Richtlinie ist ein europäisches Regelwerk, das darauf abzielt, schwere Unfälle mit gefährlichen Stoffen zu verhindern und die Auswirkungen solcher Störfälle auf Mensch und Umwelt zu minimieren. Diese Richtlinie und die Verbesserung der Umweltsituation in den letzten 50 Jahren sind nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden von einer starken Umweltbewegung durchgesetzt.
Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein, (alt-)BUND-Geschäftsführer, damals aktiv in der Bürgerinitiativbewegung am Oberrhein






